Hörbuch – Das schlechte Gewissen der Menge


👇Der nachfolgende Text ist ein Transkript des oben gezeigten Videos ☝️

Das schlechte Gewissen und die wachsende Unterwürfigkeit der Menge – ein Auszug aus Patrick Süskinds Roman “Das Parfüm”
Ein Fanprojekt, eingesprochen und visualisiert von David La Piovra®

Stimme und Ton: David La Piovra®
Bild: David La Piovra®, unterstützt mit Gemini/Nano Banana
Effekte: David La Piovra®, unterstützt mit CapCut


Und dann geschah ein Wunder. Oder so etwas Ähnliches wie ein Wunder, nämlich etwas dermaßen Unbegreifliches, Unerhörtes und Unglaubliches, dass alle Zeugen es im Nachhinein als Wunder bezeichnet haben würden, wenn sie überhaupt noch jemals darauf zu sprechen gekommen wären, was nicht der Fall war, da sie sich später allesamt schämten, überhaupt daran beteiligt gewesen zu sein.

Es war nämlich so, dass die zehntausend Menschen auf dem Cours und auf den umliegenden Hängen sich von einem Moment zum anderen von dem unerschütterlichen Glauben durchtränkt fühlten, der kleine Mann im blauen Rock, der soeben aus der Kutsche gestiegen war, könne unmöglich ein Mörder sein. Nicht, dass sie an seiner Identität zweifelten!

Da stand derselbe Mensch, den sie vor wenigen Tagen auf dem Kirchplatz am Fenster der Prévoté gesehen hatten und den sie, wären sie damals seiner habhaft geworden, in wütendem Hass gelyncht hätten.

Derselbe, der zwei Tage zuvor aufgrund erdrückender Beweise und eigenen Geständnisses rechtskräftig verurteilt worden war.

Derselbe, dessen Erschlagung durch den Scharfrichter sie noch vor einer Minute gierig ersehnt hatten.

Er war’s, unzweifelhaft!

Und doch – er war es auch nicht, er konnte es nicht sein, er konnte kein Mörder sein.

Der Mann, der auf dem Richtplatz stand, war die Unschuld in Person.

Das wussten in diesem Moment alle vom Bischof bis zum Limonadenverkäufer, von der Marquise bis zur kleinen Wäscherin, vom Präsidenten des Gerichts bis zum Gassenjungen.

Auch Papon wusste es.

Und seine Fäuste, die den Eisenstab umklammert hielten, zitterten.

Ihm war mit einem Mal so schwach in seinen starken Armen, so weich in den Knien, so bang im Herzen wie einem Kind.

Er würde diesen Stab nicht heben können, niemals im Leben würde er die Kraft aufbringen, ihn gegen den kleinen, unschuldigen Mann zu erheben, ach, er fürchtete den Moment, da er heraufgeführt würde, er schlotterte, er musste sich auf seinen mörderischen Stab stützen, um nicht vor Schwäche in die Knie zu sinken, der große, starke Papon!

Nicht anders erging es den zehntausend Männern und Frauen und Kindern und Greisen, die versammelt waren:

Sie wurden schwach wie kleine Mädchen, die dem Charme ihres Liebhabers erliegen.

Es überkam sie ein mächtiges Gefühl von Zuneigung, von Zärtlichkeit, von toller kindischer Verliebtheit, ja, weiß Gott, von Liebe zu dem kleinen Mördermann, und sie konnten, sie wollten nichts dagegen tun.

Es war wie ein Weinen, gegen das man sich nicht wehren kann, wie ein lange zurückgehaltenes Weinen, das aus dem Bauch aufsteigt und alles Widerständliche wunderbar zersetzt, alles verflüssigt und ausschwemmt.

Nur noch liquide waren die Menschen, innerlich in Geist und Seele aufgelöst, nur noch von amorpher Flüssigkeit und einzig ihr Herz spürten sie als haltlosen Klumpen in ihrem Innern schwanken und legten es, eine jede, ein jeder, in die Hand des kleinen Mannes im blauen Rock, auf Gedeih und Verderb:

Sie liebten ihn.

Grenouille stand nun wohl schon mehrere Minuten lang am geöffneten Schlag der Kutsche und rührte sich nicht.

Der Lakai neben ihm war in die Knie gesunken und sank noch immer weiter bis hin zu jener völlig prostrativen Haltung, wie sie im Orient vor dem Sultan oder vor Allah üblich ist.

Und selbst in dieser Haltung zitterte und schwankte er noch und wollte weitersinken, sich flach auf die Erde legen, in sich hinein, unter sie.

Bis ans andere Ende der Welt wollte er sinken vor lauter Ergebenheit.


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