Hörbuch – Die Fantasie vom Duft eines Säuglings


👇Der nachfolgende Text ist ein Transkript des oben gezeigten Videos ☝️

Die Fantasie vom Duft eines Säuglings – ein Auszug aus Patrick Süskinds Roman “Das Parfüm”
Ein Fanprojekt, eingesprochen und visualisiert von David La Piovra®

Stimme und Ton: David La Piovra®
Bild: David La Piovra®, unterstützt mit Gemini/Nano Banana
Effekte: David La Piovra®, unterstützt mit CapCut


Er zögerte einen Moment, blickte sich um, ob ihn auch niemand beobachte, hob den Korb empor, senkte seine dicke Nase hinein.

Ganz knapp, sodass die dünnen rötlichen Kindshaare seine Nüstern kitzelten, schnoberte er über den Kopf des Säuglings, in der Erwartung, einen Geruch aufzusaugen.

Er wusste nicht so recht, wie Säuglinge am Kopf zu riechen hatten.

Natürlich nicht nach Karamell, soviel stand fest, denn Karamell war ja geschmolzener Zucker, und wie sollte ein Säugling, der bisher nur Milch getrunken hatte, nach geschmolzenem Zucker riechen.

Nach Milch könnte er riechen, nach Ammenmilch. Aber er roch nicht nach Milch.

Nach Haaren konnte er riechen, nach Haut und Haaren und vielleicht nach ein bisschen Kinderschweiß.

Und Terrier schnupperte und stellte sich darauf ein, Haut, Haare und ein bisschen Kinderschweiß zu riechen.

Aber er roch nichts. Beim besten Willen nichts.

Wahrscheinlich riecht ein Säugling nicht, dachte er, so wird das sein.

Ein Säugling, sofern reinlich gehalten, riecht eben nicht, genausowenig, wie er spricht, läuft oder schreibt.

Diese Dinge kommen erst mit dem Alter.

Strenggenommen strömt der Mensch sogar erst Duft aus, wenn er pubertiert.

So ist das und nicht anders.

Schreibt nicht schon Horaz >>Es böckelt der Jüngling, es duftet erblühend die Jungfrau wie eine weiße Narzisse…<<? – und die Römer verstanden etwas davon.

Der Menschenduft ist immer ein fleischlicher Duft – also ein sündiger Duft.

Wie sollte also ein Säugling,

der doch noch nicht einmal im Traume die fleischliche Sünde kennt, riechen?

Wie sollte er riechen?

Duziduzi?

Gar nicht!

Er hatte den Korb wieder auf die Knie gestellt und hutschte ihn sachte.

Das Kind schlief noch immer fest.

Seine rechte Faust schaute unter der Decke hervor, klein und rot, und zuckte manchmal rührend gegen die Wange.

Terrier lächelte und kam sich plötzlich sehr gemütlich vor.

Für einen Moment gestattete er sich den fantastischen Gedanken, er selbst sei der Vater des Kindes.

Er wäre kein Mönch geworden, sondern ein normaler Bürger, ein rechtschaffener Handwerker vielleicht, hätte ein Weib genommen, ein warmes, wollig und milchig duftendes Weib, und hätte mit ihr einen Sohn gezeugt und hutschte ihn nun hier auf seinen eigenen Knien, sein eigenes Kind, duziduziduzi …

Es war ihm wohl bei diesem Gedanken.

Der Gedanke hatte etwas so Ordentliches.

Ein Vater hutscht seinen Sohn auf den Knien, duziduzi, es war ein Bild so alt wie die Welt und immer ein neues und richtiges Bild, solange die Welt bestand, ach ja!

Es wurde Terrier ein bisschen warm ums Herz und sentimental im Gemüt.

Da erwachte das Kind.

Es erwachte zuerst mit der Nase.

Die winzige Nase bewegte sich, sie zog sich nach oben und schnupperte.

Sie sog die Luft ein und schnaubte sie in kurzen Stößen aus, wie bei einem unvollkommenen Niesen.

Dann rümpfte sich die Nase, und das Kind tat die Augen auf.

Die Augen waren von unbestimmter Farbe, zwischen Austerngrau und opalweiß-cremig, von einer Art, wie sie sich in den Augen befinden.

Sie war von einer Art schleimigem Schleier überzogen und offenbar noch nicht sehr gut zum Sehen geeignet.

Terrier hatte den Eindruck, dass sie ihn gar nicht gewahrten.

Anders die Nase.

Während die matten Augen des Kindes ins Unbestimmte schielten, schien die Nase ein bestimmtes Ziel zu fixieren, und Terrier hatte das sehr sonderbare Gefühl, als sei dieses Ziel er, seine Person, Terrier selbst.

Die winzigen Nasenflügel um die zwei winzigen Löcher mitten im Gesicht des Kindes blähten sich wie eine aufgehende Blüte.

Oder eher wie die Näpfe jener kleinen fleischfressenden Pflanzen, die man im botanischen Garten des Königs hielt.

Und wie von diesen schien ein unheimlicher Sog von ihnen auszugehen.

Es war Terrier, als sehe ihn das Kind mit seinen Nüstern, als sehe es ihn scharf und prüfend an, durchdringender, als man es mit Augen könnte, als verschlänge es etwas mit seiner Nase, das von ihm, Terrier, ausging und das er nicht zurückhalten und nicht verbergen konnte …

Das geruchlose Kind roch ihn schamlos ab, so war es!

Es witterte ihn aus!

Und er kam sich mit einem Mal stinkend vor, nach Schweiß und Essig, nach Sauerkraut und ungewaschenen Kleidern.

Er kam sich nackt und hässlich vor, wie begafft von jemandem, der seinerseits nichts von sich preisgab.

Selbst durch seine Haut schien es hindurchzuriechen, in sein Innerstes hinein.

Die zartesten Gefühle, die schmutzigsten Gedanke lagen bloß vor dieser gierigen kleinen Nase, die noch gar keine rechte Nase war, sondern nur ein Stups, ein sich ständig kräuselndes und blähendes und bebendes winziges, löchriges Organ.

Terrier schauderte. Er ekelte sich.

Er verzog nun seinerseits die Nase wie vor etwas Übelriechendem, mit dem er nichts zu tun haben wollte.

Vorbei der anheimelnde Gedanke, es handele sich ums eigene Fleisch und Blut.

Zerstoben das sentimentale Idyll von Vater und Sohn und duftender Mutter.

Wie weggerissen der gemütlich umhüllende Gedankenschleier, den er sich um das Kind und sich selbst zurechtfantasiert hatte.

Ein fremdes, kaltes Wesen lag auf seinen Knien, ein feindseliges Animal, und wenn er nicht ein so besonnener und von Gottesfurcht und rationaler Einsicht geleiteter Charakter gewesen wäre, so hätte er es in einem Anflug von Ekel wie eine Spinne von sich geschleudert.

Mit einem Ruck stand Terrier auf und setzte den Korb auf den Tisch.

Er wollte das Ding loshaben, möglichst schnell, möglichst gleich, möglichst sofort.


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