Hörbuch – Die Rückkehr der Menge zur Besinnung


👇Der nachfolgende Text ist ein Transkript des oben gezeigten Videos ☝️

Die Rückkehr der Menge zu ihrer Besinnung und die subtile Scham der Menschen von Grasse – ein Auszug aus Patrick Süskinds Roman “Das Parfüm”
Ein Fanprojekt, eingesprochen und visualisiert von David La Piovra®

Stimme und Ton: David La Piovra®
Bild: David La Piovra®, unterstützt mit Gemini/Nano Banana
Effekte: David La Piovra®, unterstützt mit CapCut


Die Grasser erwachten mit einem entsetzlichen Kater.

Selbst denen, die nicht getrunken hatten, war bleischwer im Kopf und speiübel in Magen und Gemüt.

Auf dem Cours, in hellstem Sonnenlicht, suchten biedere Bauern nach den Kleidern, die sie im Exzess der Orgie von sich geschleudert hatten, suchten sittsame Frauen nach ihren Männern und Kindern, schälten sich wildfremde Menschen entsetzt aus intimster Umarmung, standen sich Bekannte, Nachbarn, Gatten plötzlich in peinlichster öffentlicher Nacktheit gegenüber.

Vielen erschien dieses Erlebnis so grauenvoll, so vollständig unerklärlich und unvereinbar mit ihren eigentlichen moralischen Vorstellungen, dass sie es buchstäblich im Augenblick seines Stattfindens aus ihrem Gedächtnis löschten und sich infolgedessen auch später wahrhaftig nicht mehr daran zurückerinnern konnten.

Andere, die ihren Wahrnehmungsapparat nicht so souverän beherrschten, versuchten, wegzuschauen und wegzuhören und wegzudenken – was nicht ganz einfach war, denn die Schande war zu offensichtlich und zu allgemein.

Wer seine Habseligkeiten und seine Angehörigen gefunden hatte, machte sich so rasch und so unauffällig wie möglich davon.

Gegen Mittag war der Platz wie leergefegt.

Die Leute in der Stadt kamen, wenn überhaupt, erst gegen Abend aus den Häusern, um die dringendsten Besorgungen zu erledigen.

Man grüßte sich nur flüchtig beim Begegnen, sprach nur über das Belangloseste.

Über die Ereignisse des Vortags und der vergangenen Nacht fiel kein Wort.

So hemmungslos und frisch heraus man sich gestern noch gegeben hatte, so schamhaft war man jetzt.

Und alle waren so, denn alle waren schuldig.

Nie schien das Einvernehmen unter den Grasser Bürgern besser als in jener Zeit.

Man lebte wie in Watte.


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