👇Der nachfolgende Text ist ein Transkript des oben gezeigten Videos ☝️
Grenouilles Wahrnehmung des Meeres und die Oberflächlichkeit der Düfte in der höheren Gesellschaft – ein Auszug aus Patrick Süskinds Roman “Das Parfüm”
Ein Fanprojekt, eingesprochen und visualisiert von David La Piovra®
Stimme und Ton: David La Piovra®
Bild: David La Piovra®, unterstützt mit Gemini/Nano Banana
Effekte: David La Piovra®, unterstützt mit CapCut
Und von Westen her kam durch diese einzige Schneise, die der Fluss durch die Stadt schnitt, ein breiter Windstrom und brachte Gerüche vom Land her, von den Wiesen bei Neuilly, von den Wäldern zwischen Saint-Germain und Versailles, von weit entfernt gelegenen Städten wie Rouen oder Caen und manchmal sogar vom Meer.
Das Meer roch wie ein geblähtes Segel, in dem sich Wasser, Salz und eine kalte Sonne fingen.
Es roch simpel, das Meer, aber zugleich roch es groß und einzigartig, sodass Grenouille zögerte, seinen Geruch aufzuspalten in das Fischige, das Salzige, das Wässrige, das Tangige, das Frische und so weiter.
Er ließ den Geruch des Meeres lieber beisammen, verwahrte ihn als Ganzes im Gedächtnis und genoss ihn ungeteilt.
Der Geruch des Meeres gefiel ihm so gut, dass er sich wünschte, ihn einmal rein und unvermischt und in solchen Mengen zu bekommen, dass er sich daran besaufen könnte.
Und später, als er aus Erzählungen hervor, wie groß das Meer sei und dass man darauf tagelang mit Schiffen fahren konnte, ohne Land zu sehen, da war ihm nichts lieber als die Vorstellung, er säße auf so einem Schiff, hoch oben im Korb auf dem vordersten Mast, und flöge dahin durch den unendlichen Geruch des Meeres, der ja eigentlich gar kein Geruch war, sondern ein Atem, ein Ausatmen, das Ende aller Gerüche und löse sich auf vor Vergnügen in diesem Atem.
Aber dahin sollte es nie kommen, denn Grenouille, der an der Place de Grève am Ufer stand und mehrmals einen kleinen Fetzen Meerwind, den er in die Nase bekommen hatte, aus- und einatmete, sollte das Meer, das eigentliche Meer, den großen Ozean, der im Westen lag, in seinem Leben niemals sehen und sich nie mit diesem Geruch vermischen dürfen.
Das Viertel zwischen Saint-Eustache und dem Hotel de Ville hatte er bald so genau durchrochen, dass er sich darin bei stockfinsterer Nacht zurechtfand, und so dehnte er sein Jagdgebiet aus,
zunächst nach Westen hin zum Faubourg Saint-Honoré, dann die Rue Saint-Antoine hinauf bis zur Bastille und schließlich sogar auf die andere Seite des Flusses hinüber in das Sorbonne-Viertel und in den Faubourg Saint-Germain, wo die reichen Leute wohnten.
Durch die Eisengitter der Toreinfahrten roch es nach Kutschenleder und nach dem Puder in den Perücken der Pagen, und über die hohen Mauern hinweg strich aus den Gärten der Duft des Ginsters und der Rosen und der frisch geschnittenen Liguster.
Hier war es auch, dass Grenouille zum ersten Mal Parfums im eigentlichen Sinn des Wortes roch:
Einfache Lavendel- oder Rosenwässer, mit denen bei festlichen Anlässen die Springbrunnen der Gärten gespeist wurden, aber auch komplexere, kostbarere Düfte von Moschus-Tinktur, gemischt mit dem Öl von Neroli und Tuberose, Jonquille, Jasmin oder Zimt, die abends wie ein schweres Band hinter den Equipagen herwehten.
Er registrierte diese Düfte, wie er profane Gerüche registrierte, mit Neugier, aber ohne besondere Bewunderung.
Zwar merkte er, dass es die Absicht der Parfums war, berauschend und anziehend zu wirken, und er erkannte die Güte der einzelnen Essenzen, aus denen sie bestanden. Aber als Ganzes erschienen sie ihm doch eher grob und plump, mehr zusammengepanscht als komponiert, und er wusste, dass er ganz andere Wohlgerüche würde herstellen können, wenn er nur über die gleichen Grundstoffe verfügte.
Viele dieser Grundstoffe kannte er schon von den Blumen- und Gewürzständen des Marktes her; andere waren ihm neu, und diese filterte er aus den Duftgemischen heraus und bewahrte sie namenlos im Gedächtnis.

