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Grenouilles erster Mord und seine Besessenheit vom ultimativen Duft – ein Auszug aus Patrick Süskinds Roman “Das Parfüm”
Ein Fanprojekt, eingesprochen und visualisiert von David La Piovra®
Stimme und Ton: David La Piovra®
Bild: David La Piovra®, unterstützt mit Gemini/Nano Banana
Effekte: David La Piovra®, unterstützt mit CapCut
Am 1. September 1753, dem Jahrestag der Thronbesteigung des Königs, ließ die Stadt Paris am Pont Royal ein Feuerwerk abbrennen.
Es war nicht so spektakulär wie das Feuerwerk zur Feier der Verehelichung des Königs oder wie jenes legendäre Feuerwerk aus Anlass der Geburt des Dauphin, aber es war immerhin ein sehr beeindruckendes Feuerwerk.
Man hatte goldene Sonnenräder auf die Masten der Schiffe montiert.
Von der Brücke spieen sogenannte Feuerstiere einem brennenden Sternenregen in den Fluss.
Und während allüberall unter betäubendem Lärm Petarden platzten und Knallfrösche über das Pflaster zuckten, stiegen Raketen in den Himmel und malten weiße Linien an das schwarze Firmament.
Eine vieltausendköpfige Menge, welche sowohl auf der Brücke als auch auf den Quais zu beiden Seiten des Flusses versammelt war, begleitete das Spektakel mit begeisterten Ahs und Ohs und Bravos und sogar mit Vivats – obwohl der König seinen Thron schon vor achtunddreißig Jahren bestiegen und den Höhepunkt seiner Beliebtheit längst überschritten hatte.
So viel vermag ein Feuerwerk.
Er war schon im Begriff, die langweilige Veranstaltung zu verlassen, um an der Galerie des Louvre entlang heimwärts zu gehen, als ihm der Wind etwas zutrug, etwas Winziges, kaum Merkliches, ein Bröselchen, ein Duftatom, nein, noch weniger: eher die Ahnung eines Dufts als einen tatsächlichen Duft – und zugleich doch die sichere Ahnung von etwas nie Gerochenem.
Er trat wieder zurück an die Mauer, schloss die Augen und blähte die Nüstern.
Der Duft war so ausnehmend zart und fein, dass er ihn nicht festhalten konnte, immer wieder entzog er sich der Wahrnehmung, wurde verdeckt vom Pulverdampf der Petarden, blockiert von den Ausdünstungen der Menschenmassen, zerstückelt und zerrieben von den tausend anderen Gerüchen der Stadt.
Aber dann, plötzlich, war er wieder da, ein kleiner Fetzen nur, eine kurze Sekunde lang als herrliche Andeutung zu riechen …und verschwand alsbald.
Grenouille litt Qualen.
Zum ersten Mal war es nicht nur sein gieriger Charakter, dem eine Kränkung widerfuhr, sondern tatsächlich sein Herz, das litt.
Ihm schwante sonderbar, dieser Duft sei der Schlüssel zur Ordnung aller anderen Düfte, man habe nichts von den Düften verstanden, wenn man diesen einen nicht verstand, und er, Grenouille, hätte sein Leben verpfuscht, wenn es ihm nicht gelänge, diesen einen zu besitzen.
Er musste ihn haben, nicht um des schieren Besitzes, sondern um der Ruhe seines Herzens willen.
Ihm wurde fast schlecht vor Aufregung.
Er hatte noch nicht einmal herausbekommen, aus welcher Richtung der Duft überhaupt kam.
Manchmal dauerten die Intervalle, ehe ihm wieder ein Fetzchen zugeweht wurde, minutenlang, und jedesmal überfiel ihn die grässliche Angst, er hätte ihn auf immer verloren.
Endlich rettete er sich in den verzweifelten Glauben, der Duft komme vom anderen Ufer des Flusses, irgendwoher aus südöstlicher Richtung.
Hier blieb er stehen, sammelte sich und roch.
Er hatte ihn.
Er hielt ihn fest.
Wie ein Band kam der Geruch die Rue de Seine herabgezogen, unverwechselbar deutlich, dennoch weiterhin sehr zart und sehr fein.
Grenouille spürte, wie sein Herz pochte, und er wusste, dass es nicht die Anstrengung des Laufens war, die es pochen machte, sondern seine erregte Hilflosigkeit vor der Gegenwart dieses Geruches.
Er versuchte, sich an irgendetwas Vergleichbares zu erinnern und musste alle Vergleiche verwerfen.
Dieser Geruch hatte Frische; aber nicht die Frische der Limetten oder Pomeranzen, nicht die Frische von Myrrhe oder Zimtblatt oder Krauseminze oder Birken oder Kampfer oder Kiefernnadeln, nicht von Mairegen oder Frostwind oder von Quellwasser …, und er hatte zugleich Wärme; aber nicht wie Bergamotte, Zypresse oder Moschus, nicht wie Jasmin und Narzisse, nicht wie Rosenholz und nicht wie Iris …
Dieser Geruch war eine Mischung aus beidem, aus Flüchtigem und Schwerem, keine Mischung davon, eine Einheit, und dazu gering und schwach und dennoch solid und tragend, wie ein Stück dünner, schillernder Seide …und auch wieder nicht wie Seide, sondern wie honigsüße Milch, in der sich Biskuit löst
– was ja nun beim besten Willen nicht zusammenging:
Milch
und Seide!
Unbegreiflich dieser Duft, unbeschreiblich, in keiner Weise einzuordnen, es durfte ihn eigentlich gar nicht geben.
Und doch war er da in herrlichster Selbstverständlichkeit.
Ein Mädchen saß an diesem Tisch und putzte Mirabellen.
Sie nahm die Früchte aus einem Korb zu ihrer Linken, entstielte und entkernte sie mit einem Messer und ließ sie in einen Eimer fallen.
Sie mochte dreizehn, vierzehn Jahre alt sein.
Grenouille blieb stehen.
Er wusste sofort, was die Quelle des Duftes war, den er über eine halbe Meile hinweg bis ans andere Ufer des Flusses gerochen hatte: nicht dieser schmuddelige Hinterhof, nicht die Mirabellen.
Die Quelle war das Mädchen.
Für einen Moment war er so verwirrt, dass er tatsächlich dachte, er habe in seinem Leben noch nie etwas so Schönes gesehen wie dieses Mädchen.
Dabei sah er nur ihre Silhouette von hinten gegen die Kerze.
Er meinte natürlich, er habe noch nie so etwas Schönes gerochen.
Aber da er doch Menschengerüche kannte, viele Tausende, Gerüche von Männern, Frauen, Kindern, wollte er nicht begreifen, dass ein so exquisiter Duft einem Menschen entströmen konnte.
Ihr Schweiß duftete so frisch wie Meerwind, der Talg ihrer Haare so süß wie Nussöl, ihr Geschlecht wie ein Bouquet von Wasserlilien, die Haut wie Aprikosenblüte …, und die Verbindung all dieser Komponenten ergab ein Parfum so reich, so balanciert, so zauberhaft, dass alles, was Grenouille bisher an Parfums gerochen, alles, was er selbst in seinem Innern an Geruchsgebäuden spielerisch erschaffen hatte, mit einem Mal zu schierer Sinnlosigkeit verkam.
Hunderttausend Düfte schienen nichts mehr wert vor diesem einen Duft.
Dieser eine war das höhere Prinzip, nach dessen Vorbild sich die anderen ordnen mussten.
Er war die reine Schönheit.
Als er sie welkgerochen hatte, blieb er noch eine Weile neben ihr hocken, um sich zu versammeln, denn er war übervoll von ihr.
Er wollte nichts von ihrem Duft verschütten.
Erst musste er die inneren Schotten dicht verschließen.
Dann stand er auf und blies die Kerze aus.
Um diese Zeit kamen die ersten Heimkehrer singend und vivatrufend die Rue de Seine herauf.
Grenouille roch sich im Dunkeln auf die Gasse und zur Rue des Petits Augustins hinüber, die parallel zur Rue de Seine zum Fluss führte.
Wenig später entdeckte man die Tote.
Geschrei erhob sich.
Fackeln wurden angezündet.
Die Wache kam.
Grenouille war längst am anderen Ufer.
Er hatte den Kompass für sein künftiges Leben gefunden.
Und wie alle genialen Scheusale, denen durch ein äußeres Ereignis ein gerades Geleis ins Spiralenchaos ihrer Seelen gelegt wird, wich Grenouille von dem, was er als Richtung seines Schicksals erkannt zu haben glaubte, nicht mehr ab.
Jetzt wurde ihm klar, weshalb er so zäh und verbissen am Leben hing:
Er musste ein Schöpfer von Düften sein.
Und nicht nur irgendeiner.
Sondern der größte Parfumeur aller Zeiten.
Noch in derselben Nacht inspizierte er, wachend erst und dann im Traum, das riesige Trümmerfeld seiner Erinnerung.
Er prüfte die Millionen und Abermillionen von Duftbauklötzen und brachte sie in eine systematische Ordnung.
Gutes zu Gutem,
Schlechtes zu Schlechtem,
Feines zu Feinem,
Grobes zu Grobem,
Gestank zu Gestank,
Ambrosisches zu Ambrosischem.
Im Verlauf der nächsten Woche wurde diese Ordnung immer feiner, der Katalog der Dürfte immer reichhaltiger und differenzierter, die Hierarchie immer deutlicher.
Und bald schon konnte er beginnen, die ersten planvollen Geruchsgebäude aufzurichten.

