👇Der nachfolgende Text ist ein Transkript des oben gezeigten Videos ☝️
Die kalte Enfleurage – ein Auszug aus Patrick Süskinds Roman “Das Parfüm”
Ein Fanprojekt, eingesprochen und visualisiert von David La Piovra®
Stimme und Ton: David La Piovra®
Bild: David La Piovra®, unterstützt mit Gemini/Nano Banana
Effekte: David La Piovra®, unterstützt mit CapCut
Ende Juli begann die Zeit des Jasmins, im August die der Nachthyazinthe. Beide Blumen waren von so exquisitem und zugleich fragilem Parfum, dass ihre Blüten nicht nur vor Sonnenaufgang gepflückt werden mussten, sondern auch die speziellste, zarteste Verarbeitung erheischten.
Wärme verminderte ihren Duft, das plötzliche Bad im heißen Mazerationsfett hätte ihn völlig zerstört. Diese edelsten aller Blüten ließen sich ihre Seele nicht einfach entreißen, man musste sie ihnen regelrecht abschmeicheln.
In einem besonderen Beduftungsraum wurden sie auf mit kühlem Fett bestrichene Platten gestreut oder locker in ölgetränkte Tücher gehüllt und mussten sich langsam zu Tode schlafen.
Erst nach drei oder vier Tagen waren sie verwelkt und hatten ihren Duft an das benachbarte Fett und Öl abgeatmet.
Dann zupfte man sie vorsichtig ab und streute frische Blüten aus.
Der Vorgang wurde wohl zehn, zwanzig Mal wiederholt und bis sich die Pomade sattgesogen hatte und das duftende Öl aus den Tüchern abgepresst werden konnte, war es September geworden.
Die Ausbeute war noch um ein wesentliches geringer als bei der Mazeration.
Die Qualität aber einer solchen durch kalte Enfleurage gewonnenen Jasminpaste oder einer Huile Antique de Tubéreuse übertraf die jedes anderen Produkts der parfümistischen Kunst an Feinheit und Originaltreue.
Namentlich beim Jasmin schien es, als habe sich der süß haftende, erotische Duft der Blüte auf den Fettplatten wie in einem Spiegel abgebildet und Strahle nun völlig naturgetreu zurück – cum grano salis freilich.
Denn Grenouilles Nase erkannte selbstverständlich noch den Unterschied zwischen dem Geruch der Blüte und ihrem konservierten Duft:
Wie ein zarter Schleier lag da der Eigengeruch des Fetts – es mochte so rein sein, wie es wollte – über dem Duftbild des Originals, milderte es, schwächte das Eklatante sanft ab, machte vielleicht sogar seine Schönheit für gewöhnliche Menschen überhaupt erst erträglich …
In jedem Falle aber war die kalte Enfleurage das raffinierteste und wirksamste Mittel, zarte Düfte einzufangen. Ein Besseres gab es nicht.

